Werbegrafik & Film
Joachim A. Haschek
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  Mittwoch 2. und Donnerstag, 3. Juni 2010 - ABSCHIED
 

 

        

Der etwa 25 Minuten lange Vortrag im Servicebygget von Kings Bay - nervös waren wir schon irgendwie. Geplant war es ja nicht, das richtige "Werkzeug" zur Gestaltung stand eigentlich auch nicht zur Verfügung. Knapp zehn Minuten vor Beginn saßen wir drei noch alleine vor dem "Zeppelin-Raum". Kommen wirklich so viele, wie sich angekündigt haben? Knapp vor 19.00 Uhr sind dann mehr Menschen als Sitzplätze da, nämlich an die 40, nicht schlecht für einen derzeit 110-Seelen-Ort. Also die Maschine angeworfen. Nach einigen Minuten die ersten Lacher, aber fröhliche, vor allem angesichts der Fotos von den Zwergen des 17. Mai. Letztes Bild, und - Applaus. Wir sind echt erleichtert, auch stolz, schon, auch. Vor allem, als ein paar Leute sitzen bleiben und sich die Sache zum zweiten Mal reinziehen möchten. Und selbst beim zweiten Mal kriegen wir den Raum voll. 73 von 110 Menschen, wobei einige noch bei der Arbeit sind, das ist nicht schlecht. Verschiedene AWIs und Kings Bayer sagen uns, dass der Saal noch nie zweimal voll war. Es gibt viele "Danke" und auch Fragen, wann und wo man das Video kaufen kann - das hatten wir nun wirklich nicht erwartet. Bendik, der "Historiker" von Kings Bay, hat gerade Ann Kristin von der Uni Tromsö auf Arbeitsbesuch. "We must talk" sagt er zu uns und vereinbart gleich einen Termin für Mittwoch in der Früh. Sieht so aus, als kämen wir ins Gespräch. Wir würden ja von ihm auch gern ein paar Bilder haben… ;-)
Donnerstag. Der letzte Tag in Ny Alesund ist da. Um 12 Uhr geht die Maschine nach Longyearbyen und am Nachmittag weiter nach Oslo. Nach einer Nacht am Lufthavn der norwegischen Hauptstadt sollten wir dann am Freitag gegen späten Vormittag wieder in Österreich sein.
Eigentlich sollte man nun nicht viele Worte machen. Es war wundervoll und gehen fällt nicht leicht. Vielleicht ist der Schlusssatz aus unserem Video das passendste, das es zu sagen gibt:
"Our grateful thanks go to AWIPEV & A-Team, NP, Airlift, Kings Bay AS and all the marvelous individuals whom we had the pleasure of meeting, talking, laughing, working and socializing with. You all helped us make a film about your awesome area. Tack! Thanks! Merci! Gracias! Danke!
Auch unseren Sponsoren und Unterstützern…. Wir sehen uns. Spätestens auf der Leinwand.

 

 
   
  Montag, 31. Mai und Dienstag 1. Juni 2010 - DOPPELPACK
 

 

        

Die beiden Tage bewältigen wir im Doppelpack. Nicht, dass es nichts zu erzählen gebe oder wir blogfaul geworden wären oder uns die Bilder ausgegangen sind. Nein, der Montag war ein Schneidetag, an dem der Vortrag für die Einwohner von Ny Alesund vorbereitet wurde. Joe hat einen Teufelsfinger, was das Schneiden und Foto-Auswählen betrifft, und ohne Übertreibung gesagt: Josef hat ein Kameraauge. 25 Minuten Vortrag sind herausgekommen, Material haben wir für viel mehr. Wir glauben jedenfalls, dass ein paar Menschen im Ort schon sehr gespannt sind. Der Andrang wird es zeigen. Wir sind jedenfalls ganz zufrieden mit dem - so nicht geplanten vorläufigen - Resultat und ebenfalls auf Reaktionen sehr neugierig. Über das Buchprojekt haben wir auch diskutiert, schön langsam verdichtet sich das Bild anhand der Fotos und Videos. Eine kleine Ausrede für unsere montägliche Absenz haben wir. Es hat heftig geschneit, dicke Flocken wirbelten um die Häuser. Liegen bleibt der Schnee allerdings nur noch auf den noch bestehenden Schneehaufen - und auf den Eisbergen.
Dienstag ist endlich wieder ein Filmtag, heute sind die besten Freunde der Bewohner das Thema - die Schlittenhunde. Zuvor haben wir noch ein Gespräch mit Station Leader Sébastien, endlich, nachdem wir wir es im beiderseitigen Einvernehmen schon mehrmals verschoben hatten. Ist eben für jeden viel zu tun hier, noch dazu, da das große Projekt "Epoca" hier angelaufen ist. Séb schildert uns, wie seine Liebe zur Arktis entstanden ist, fast per Zufall eigentlich. Zumindest war sein nun schon sechsjähriger Aufenthalt hier nicht im großen Lebensplan. Dann ist Dog day - wir setzen das Interview im "Dog Yard" fort, bei seiner Hündin "Tundra", gefolgt von einer Fahrrad-Tour von "Salmiak". Ihr norwegisches Frauchen spannt sie in ein Hundegeschirr und dann geht es per Rad los. Der acht Monate alte Hund startet durch und hat so richtig Spaß, das Rad durch Ny Alesund zu ziehen. Der Nachmittag gemahnt an den baldigen Abschied - Zarges-Boxen packen…das Tauchlager haben wir bereits geräumt, nun kommen die schweren Kisten mit dem Kran und dem Dive Equipment in den Container, der dann in einigen Wochen nach Bremerhaven geschippert wird.

 

 
   
  Sonntag, 30. Mai 2010 PAUSE
 

 

        

Wenn das Abenteuer Pause macht…heute betreiben wir mal Augenpflege und schneiden und schreiben und sortieren ein bisschen - neben anderen Dingen!

 

 
   
  Samstag, 29. Mai 2010 - VOGELFELSEN
 

 

        

Mit Wetterkapriolen beginnt der Tag und erinnert daran, dass die Natur hier unberechenbar und gefährlich ist, obwohl menschliche Infrastruktur in Ny Alesund eine Art Sicherheit vorgaukelt. Laut norwegischem Wetterbericht, der jeden Morgen in der Station für zwei Tage im voraus ausgehängt wird, sollte es regnen. Vom Himmel tanzen aber leichte Schneeflocken. Wir machen uns trotzdem fertig und fahren mit dem IPEV-Boot, gesteuert von Christian Konrad, dem kommenden Stationsingenieur, weiter in den Kongsfjord hinein zum Vogelfelsen, einem von vielen, aber dieser heißt auch so. Die vorher freundlichen wirbelnden Flocken stechen nun im Gesicht, dann hört der Schneefall plötzlich auf und stellenweise lässt sich sogar die Sonne durch ein Wolkenloch blicken. Am Vogelfelsen wartet etwas, was anderswo ein Traumstrand wäre, wäre es nur wärmer. Feiner Kies, keine Verschmutzung, klares blau-türkises flaches Wasser, umgeben von Bergen…so um die null Grad Celsius zur See und zu Lande würde die meisten Badenwilligen aber abschrecken.
Schneefelder bedecken die Moosgürtel vor dem küstennahen Vogelfelsen. Hier hausen seit einigen Tagen Silbermöwen. So könnte man sich einen Vogeljahrmarkt vorstellen. Alles lärmt durcheinander - so hört es sich zumindest vorerst an. Aber wenn man sich Zeit lässt, spielt ein gewisser Rhythmus ins Ohr. Keckern, lachen, Warnrufe, bisweilen wütendes Kampfgeschrei, wenn ein Konkurrent immer wieder in die überhängenden Felsen anfliegend einen guten Platz beanspruchen will. Wobei gut relativ ist…es geht um ein paar Quadratzentimeter mehr oder weniger. Manche Möwen sind eindeutig Single, sie krallen sich dann verwegen oder kokett in die Felsen und hoffen auf Gesellschaft. Andere haben sich bereits gefunden und hocken zumeist Brust an Brust beieinander, hin und wieder wird geschnäbelt….der französische Ornithologe Olivier Chastel hatte recht. Es IST unheimlich viel zu sehen, auch für den völligen Laien. Joe erleidet bei einem Überflug einen Volltreffer mit Dünger…ansonsten hat sich behutsames Verhalten ausgezahlt. Wir haben sehr schöne Bilder und viel über die Tiere selbst mitgenommen. Zurück beim Boot fragt uns Christian: "Und? Hört ihr noch was?" Tatsächlich, aus der Ferne ist es wie ein ziemlicher Lärm. Ist man nahe dran, empfindet man es gar nicht so.
Bei der Rückfahrt liegen Zauber und Zwiespalt knapp nebeneinander. Erst bricht bei der Ausfahrt einer der Eisberge krachend auseinander, dann erleben wir auf einem nahezu unbewegten Meer eine Flugshow der besonderen Art. Eisturmvögel überfliegen das Boot, schweben spielerisch neben uns her und mit nur wenigen Flügelschlägen ziehen sie uns davon und verschwinden, nur Millimeter über der Wasseroberfläche in einem perfekten Spiegelbild am Horizont, der nahtlos in das silberblaue Fjordwasser übergeht. Knapp vor der Anlagestelle entdecken wir eine Gans im Wasser. Sie ist schon durchnässt und müht sich hochzukommen…Josef bemerkt den gebrochenen rechten Flügel. Wir überlegen, ob wir vielleicht ein Netz…aber wer würde sie schienen, wer pflegen? "Wir können nichts machen. Das ist die Natur", sagt Josef. Tausende Kilometer nach Norden geschafft und nun im kalten Fjordwasser…Christian wendet das Boot und gibt sanft Gas…es ist sehr still bei der Rückfahrt.
Irgendwie machen sich auch die vergangenen Tage und Wochen bemerkbar - alle drei inklusive Neuankömmlings Christian, ein Steirer wie wir, sind ausgesprochen bettschwer. Und das am Samstagnachmittag. It's a hard life in the Arctic…aber nun wartet das socialising im ehemaligen Mehllagerhaus.

 

 
   
  Freitag, 28. Mai 2010 - KRILL & KONGSFJORDNESET
 

 

        

Der Termin im Marinlaboratorium - Evertebratenbiologe Fritz Buchholz vom AWI und Doktorand Thorsten Werner haben in etlichen Aquarien frisch im Fjord gefangenen Krill nach Größen und somit nach Alter aufgeteilt. Fritz und Thorsten erläutern uns bzw. der Kamera die Verbreitung von Krill in den Weltmeeren, dass einige Arten wegen zu warmen Wassers nach Norden ziehen und dass sie allein aufgrund ihrer unglaublichen Menge eines der wichtigsten Glieder in der Nahrungskette sind - vor allem hier in der Arktis. Robben, Vögel, Fische, Wale ernähren sich von den nur wenige Millimeter großen durchsichtigen Krebstieren, die in ihrer gesamten "Biomasse" in Millionen Tonnen gemessen jener der Menschen auf unseren Planeten entsprechen. Unter dem Mikroskop entfaltet das garnelen-ähnliche Tierchen ein faszinierendes Aussehen: Verdauungsorgane und die wirbelnden Beinchen sind genau zu erkennen, dazu auch eine Art "Positionslicht". Mithilfe dieser auf beiden Seiten des Körpers leuchtenden Organe, die auch steuerbar sind, halten die einzelnen Tierchen in ihren riesigen Schwärmen Verbindung.
Am späten Nachmittag - der Himmel ist immer noch bewölkt - legen wir mit dem AWI-Boot ab bis zur äußersten Landspitze der Bröggerhalvöya, der Kongsfjordneset. Diese fällt vom anfangs flachen Wasser in rund acht Meter in einer Steilwand tief ab. Auf dem Weg dorthin sehen wir zahlreiche Vögel in den Felsen sitzen - die Brutplätze sind offenbar schon bezogen. Am Kongsfjordneset wird das Boot an der gesetzten Boje verholt, dann machen Joe und Josef sich fertig. Es ist ziemlich kalt, und mitunter fragt man sich, warum man nun hier ins 0 Grad Celsius warme Wasser springen soll. Aber hinab geht's auf etwa acht Meter, über Schotterbänke, dann zur steilen Wand. Hier tut sich eine wunderbare Welt auf. Es ist ein Bewuchs an den Felsen, den man in dieser Weltgegend nicht für möglich hält. Schwämme und Anemonen, letztere in einer Größe, wie man sie in der Adria nicht mehr sieht, und drollige Gemeinschaften. Bei jeder Anemone sitzt ein Hya, es sind wirklich unzählige… als Nachbarn haben sich Seesterne sonder Zahl und Seeigel eingerichtet. Es ist ein buntes Treiben, wie man es in wärmeren Meeren vermuten würden - wir haben ja selbst schon vor der Reise allen erzählt, dass die Meere hier oben eben nicht kalt und tot sind. Aber nun … wie hat Joe nach dem Auftauchen gesagt? "Die Wand lebt!" Und wie, fröhlich-farbenfroh, möchte man nach Ansicht des von Josef aufgenommenen Videos sagen. Biologe Fritz Buchholz erklärt uns später am Abend, warum die Anemonen hier so prächtig sind. Durch die Kälte wachsen sie langsamer, werden aber älter… die Burschen sind jedenfalls bei ihrer Rückkehr aufs Boot einigermaßen ausgefroren, aber bester Dinge. Ein erster Check der Aufnahmen verbessert ihre gute Laune sogar noch. Joe frischt bei der flotten Rückfahrt mit JFK zum "Heimathafen" noch ein wenig humoristisch unsere Kenntnisse in Physik auf: Tee, im Fahrtwind eingeschenkt landet im Fjord statt im Becher. Besser könnt' unsere Laune nun gar nicht mehr werden.

 

 
   
  Donnerstag, 27. Mai 2010 - LONDON BAY
 

 

        

Das französische Boot "Sabrina" bleibt heute an der Anlegestelle - in die London Bay auf der nördlichen Seite des Kongsfjord trägt uns das namenlose, aber bewährte weißorange Boot der AWIPEV-Tauchbasis, das Sébastien gerne mal "JFK" nennt, wie den Flugzeugträger. Danke wieder einmal, Max. Zuvor haben Joe und Josef fleißig an einem Zusammenschnitt der Helikopteraufnahmen gebastelt und Bilder ausgewählt. Es ist nämlich so: Jeden Dienstag am Abend soll ein Team oder eine Forschergruppe oder auch ein Individuum sein/ihr Projekt vorstellen, in einem etwa 20-minütigen Vortrag in der Messe. Herumgesprochen hat es sich schon, offenbar, bevor es offiziell am weißen Brett angekündigt wird - wir wurden schon mehrmals darauf angestochen, in einem Dorf wie diesem bleibt selten etwas lange geheim.
Das Wetter ist uns in dieser Woche nicht sehr hold, der Himmel ist nun fortwährend bedeckt. Bei der Bootsfahrt wird der Fahrtwind sogar kräftig kühl. Dafür ist es in der London Bay spiegelglatt auf der Wasseroberfläche, es ist sogar für hiesige Verhältnisse unerwartet friedlich und still. An den Rändern der Bucht haben sich auch die Eisberge zur Ruhe begeben, wie steif gefrorene weißblaue Kröten hocken sie da und rühren sich nicht. Josef und Pete gehen über die Bordwand und stellen fest, dass der Grund der Bucht ein ziemlich solider, harter Sandboden ist. Algen verschiedenster Art halten sich hier am Grund fest, eine hat offenbar einen kleinen Stein als Anker gefunden, die anderen siedeln sich kuschelnd rund um sie an. Josef entdeckt fortlaufend mit seiner Videocam Kleinlebewesen - eine Engelsschnecke, die wir zuvor schon im Marinlaboratorium bei den Meeresbiologen Fritz Buchholz und Thorsten Werner in einem "Aquarium" gesehen. Aquarium, das ist übrigens der Begriff, mit dem man die Bucht am besten beschreiben kann, ein Sandgrund mit Wasserpflanzen. Die weißliche Engelsschnecke also unterscheidet sich von anderen ihrer Weichtierart durch Fehlen einer Behausung und durch Ausbildung von zwei Schwimmflügeln, mit denn sie engelsgleich durchs Wasser schwebt. Sie kann aber ganz schön flitzen, wenn sie will. Überhaupt spielt es sich an diesem Tag eher über als vor uns ab - Josef entdeckt auch noch eine kleine Qualle und einzelnen Krill - der aber auch recht flott sein kann. Mit Krills haben wir morgen Freitag ein Rendezvous.

 

 
   
  Mittwoch, 26. Mai 2010 - HANSNESET
 

 

        

Es ist eine Not mit dem Boot in Ny Alesund. Technische Probleme, eine Lieferverzögerung und das Eintreffen einer neuen Forschergruppe - Projekt "Epoca" - machen die schwimmenden Untersätze zu einer der begehrtesten Sachen. Wir haben uns deshalb mit dem Tauchen auf die Abendstunden verlegt, wenn kaum mehr Bedarf ist und das Licht flacher ins Wasser strahlt, finster wird's hier ja sowieso nicht. WENN das Sonnenlicht strahlt. Hoffentlich haben wir nicht allen Solarkredit mit dem Hubschrauberflug am Montag schon aufgebraucht. Am Abend bringt uns Thomas zur Grotte bei der Landspitze Hansneset. Die norwegische Künstlerin Eirin ist mit ihrem Trockentauchanzug und ihrer Kamera mit von der Partie, sie wird ebenfalls filmen. Niedrigwasser sollte unsere Mission erleichtern, dann ist die Öffnung im Fels sozusagen nur halbvoll.
Leider finden Joe und Josef in der Grotte nicht allzu viel Licht vor, der Himmel ist bewölkt. Was sie aber in der Höhle vorfinden, sind kleine Eisberge, die an den Wänden wetzen und kratzen und dabei unter Wasser mächtig Krach veranstalten. Anemonen und Kelp ist in der Höhle an Bewuchs reichlich vorfinden, sogar ein Fisch, das ist hier schon was besonderes. Und kalt ist es - fast so, als hätten sich die Eisberge in die Grotte geflüchtet, um den Sonnenstrahlen zu entgehen. Für die Menschen ist es etwas zu kühl. Zwei Grad Celsius hat das Wasser, das kann einem bei über 40 Minuten unter Wasser schon zusetzen.
Gegen 22.30 Uhr sind wir zurück, Thomas hat Pete bei der Heimfahrt das Steuer überlassen. In anderen Breiten wäre das schon ein Nachttauchgang gewesen. Hier aber laufen wir bei hellem Tageslicht in Ny ein.

 

 
   
  Dienstag, 25. Mai 2010 - LONDON
 

 

        

Heute geht's nach London. Mit dem Schiff. Es ist nur eine Überfahrt von etwa sieben Kilometern, dann laufen wir in der Bucht unterhalb der früheren Kohlenminensiedlung Ny London ein, laden unsere Ausrüstung ab und machen uns auf den Weg zu "Camp Mansfield, zwei Hütten etwas oberhalb des Strandes. Wir hatten eigentlich gedacht, wir müssten den ganzen weiten Uferbereich nach Rentieren absuchen, aber die guten Huftiere kamen uns im Sinne des Wortes entgegen. Unweit der beiden Holzkaten warteten ein kräftiges Böckle und drei Weibchen, äsend, überhaupt nicht scheu, nur auf einen Sicherheitsabstand von etwa 20 Metern bedacht. Besser könnte es gar nicht beginnen. Es ist wiederum ein wolkenlosherrlicher Tag, und schon nach kurzer Zeit stiegen wir auf den Bratliekollen, nachdem wir zuvor alte, rostige, aber nach fast 100 Jahren im Freien immer noch solide Maschinen aus englischer Grubenzeit - Sullivan of Sheffield, Harker & Sons, Dover Co. - gefilmt haben. Kein Pfad führt auf den Berg, wir gehen praktisch querfeldein. Nicht immer leicht, angesichts der bereits bekannten Bachläufe, die die Schneedecke unterspülen, und des eben erst aus dem Schnee hervor blickenden Mooses - man sinkt in beiden recht tief ein, jeder Schritt ist doppelte Anstrengung. Josef hat recht mit seinem Vergleich: In Österreichs Bergen gibt es alle Pfiff' lang eine Markierung, hier ist es allein die Sicht auf den Berggipfel. Aus der Karte kann man ja nur ablesen, dass der Weg über die westlichen Felsrücken der bessere wäre. Zuvor haben wir aus der Höhe aber noch illustren Besuch für Ny Alesund beobachtet: Das Greenpeace-Schiff "Esperanza" läuft ein, es unterstützt mit seiner Transportkapazität ein Forschungsprojekt.
Plötzlich bleiben Joe und Josef, die vorne marschieren, stehen: Ein weißes Schneehuhn pickt sich Nahrung aus dem kargen Boden…und erst einige Sekunden später sehen wir das zweite Hühnchen, das bereits die gesprenkelte Sommertarnung angenommen hat. Josef gelingt mit der Kamera auf dem Stativ etwas großartiges, sehr berührendes. Er nähert sich behutsam bis auf zwei, drei Meter Herr und Frau Schneehuhn, und sie lassen es geschehen. Nach einem anstrengenden Marsch offenbart sich uns auf dem Gipfelrücken wunderbares, und man fragt sich im stillen, ob es Tage wie diesen oft gibt im Leben. Wir sind so hoch gestiegen, dass wir über die Ausläufer der Bröggerhalvöya die Bergspitzen von Prins Karls Forland sehen, die mitten in das Nordpolarmeer hineinragen. Nördlich erstrecken sich die Gletscher Nordwestspitzbergens im hellen Sonnenlicht, und unter uns wird der blitzblaue Kongsfjord von kaum einer Welle gekräuselt, aber von umso mehr langsam treibenden Eisbergen gesäumt.
Beim Abstieg hören ein das Funkgerät schnarren: Max holt uns mit seinem neuen Tauchteam Duygu und Elisa ab - Julian und Lars mussten zu unser aller Bedauern schon die Heimreise antreten. Aber wir werden sie wieder treffen - spätestens bei der Präsentation unserer Doku, hoffentlich in Bremerhaven, dem Stammsitz des AWI.

 

 
   
  Pfingstmontag, 24. Mai 2010 HUBSCHRAUBERFLUG
 

 

        

Dieser Mai ist gewiss jener mit den meisten Feiertagen, die für uns aber Arbeitstage sind. Aber was für eine Arbeit! Wir haben im Moment wohl einen der schönsten, weil coolsten Jobs der Welt - heute sind wir Eisbergtaucher. Thomas von der französischen Station Charles Rabot wartet noch schnell einen Außenborder, bevor er uns eine Einweisung in das Fun Yak "Sabrina", ein kleines orangefarbenes Motorboot, für das eine Polizistin in Brest Patin gestanden ist, gibt. Josef lenkt das Boot in die Bucht, vom Kiesstrand aus verladen wir die Kameras, dann fährt er uns hinaus auf den Fjord, auf die Eisberge zu. Einige sind bereits aus sechs bis sieben Kilometer gut zu erkennen, leuchten bläulich, sind also schon länger dem Wellen ausgesetzt gewesen. Andere wiederum sind die Schmuddelkinder unter den Gletschersöhnen und -töchtern. Josef meint, die mit Geröll und Erdsoden bedeckten Eisriesen schauen aus wie Schottertransporter. Wir haben uns aber schon zwei auserkoren, drosseln das Tempo und umkreisen sie langsam. Bei einem haben die Meereswogen bereits einen schmalen Durchlass hineingeleckt, der bläulich schimmert. Joe wirft den Anker, dann ist das Boot gesichert und ab geht's über die Bordwand, die wenigen Meter werden schwimmend zurückgelegt. Eine neue Welt tut sich auf. Es mag nach Bubentraum klingen, aber es ist wirklich wahr, was man in der Schule gehört und später in Dokus und Filmen gesehen hat. Unter der Wasseroberfläche ist er viel ausladender und größer und schimmernder, als man es von der Oberfläche aus sich vorstellen kann. Kleine Steine wurden durch Wellen und Strömungen hin- und her gewirbelt und haben Strudellöcher in das Eis geschnitzt. Die Sicht ist heute sowas von gut - von der Wasserlinie bis auf den Grund in etwa elf Metern sieht man sehr gut. Dunkelblaues Eis breitet sich bis zum Meeresboden aus…bei der Rückfahrt dümpeln wir am Schelfeis entlang, das hier noch die Küste säumt, aber schon aufbricht - Robben sind vorerst keine zu sehen, was auch eine der Erklärungen sein könnte, weshalb noch keine Eisbären in der Kongsfjord-Gegend gesehen wurden…zügig geht es dann zurück nach Ny. In einigen Stunden kommt der Hubschrauber…
Am Landestreifen steht dann gegen 18.00 Uhr schon der "Dauphin". Leider informiert uns der Pilot, dass anstelle der ursprünglich geplanten vier Passagiere (neben uns dreien) nur zwei möglich seien, wegen der Manövrierfähigkeit. Es muss gelost werden, Marcus und Thomas ziehen ein Flugticket, aber Thomas verzichtet zugunsten von Max und bleibt mit Sébastien am Boden. Eine enorm nette Geste. Der Flug selbst wird dann unbeschreiblich - trotz etwas schlechten Gewissens gegenüber Thomas uns Sébastien. Manchmal knapp an Bergrändern vorbei, dass man raus- und sich Schnee abgreifen könnte. Minutenlang über eine Gletscherspaltenlandschaft, die wie mit dem Meißel modelliert aussieht. Über das dutzende Kilometer lange Schelfeis an den Rändern des Fjords und der Gletscher. Auf dem Eis liegen einige Robben in der Abendsonne und lassen sich den Speck anbraten, sie nehmen keine Notiz von unserer schraubenden Hubmaschine. Einige Rentiere nehmen Reißaus, andere wiederum heben beim Fressen nicht mal den Kopf. Es sind unglaubliche Distanzen. Wir rechnen nachher nach - der Gletscher, Kongsbreen und Blomstrandbreen ziehen sich zusammen mit ihren Verwandten über 65 Kilometer weit nach Norden…Joe und Josef hängen festgeschnallt in der offenen Helikoptertür und filmen und fotografieren mit frierenden Fingern auf Teufel komm raus. Fast eine Stunde cooles Material, mit zwei Kameras und einem Fotoapparat…kurz nach dem Landen ist folgender Satz zu hören: "DAS war richtig gut". Der Pilot, Arne Martin Lie, hat offenbar selbst Freude und gratuliert: "Wir haben noch kein Kamerateam geflogen, das so gutes Wetter hatte!" Ich glaube, wir müssen das erst richtig verarbeiten. Nicht nur das Material…

 

 
   
  Sonntag, 23. Mai 2010 - ZEPPELLINTURM
 

 

        

Diesmal hat keiner der Ösis das Socializing verschlafen. Im Gegenteil, die Truppe war geschlossen unter den letzten, die vom Haus Mellageret abmarschiert sind. Dafür war der Sonntagmorgen ein ziemlich langer, bettschwerer. Das gute Licht mit Wolkendecke verleitet dennoch zu einem Rundgang mit Ausrüstung, obwohl wir heute eigentlich weitgehend Pause machen wollten. Aber dann wird es doch noch ein Gespräch mit Henning Kirk im Laserraum, hervorragende Fotos vom Laser - Henning zieht ein in Plastik gehülltes Stück Papier durch den Strahl - wir sehen es durch die Schutzbrillen nicht ganz so spektakulär wie es später am HD-Video erscheint.
Dann - schon wieder "das nördlichste der Welt" - besuchen wir den etwas außerhalb von Ny Alesund liegenden Friedhof. Es sind nur einige Steinplatten, meistens Gemeinschaftsgräber, einige Einzelgrabstellen. Etwa jene von Stoldmester Knud Olson, einem der Stollenmeister des früheren Bergbaus, gestorben am 3. Dezember 1918. Die Steintafeln sind verwittert, das Wetter fräst in kurzer Zeit alle persönlichen Daten aus dem Stein, sofern sie nicht mit Metalllettern angegeben sind. Der arktische Friedhof ist auch die letzte Ruhestätte von 50 holländischen Walfängern, die in dieser Gegend im 17. und 18. Jahrhundert ihr Leben aushauchten. Deren Geschichte wird in einem Roman kurz thematisiert, der hier in Ny Alesund spielt: "Robbenfrass"! Max hat ihn zur Lektüre empfohlen.
Nahe der Grabstätte steht ein stählerner rostroter Riese: Der Luftschiff-Ankerturm, errichtet in den 1920er Jahren und nur bei zwei Gelegenheiten benutzt: Bei Start der Luftschiffe "Norge" 1926 und "Italia" 1928, von denen nur erstere den Pol erreicht bzw. überquert hat.

 

 
   
  Samstag, 22. Mai 2010 - HYAS
 

 

        

Wieder ein Wassertag, von allen Seiten sozusagen. Es hat ein bisschen über null Grad Celsius und es regnet leicht. Um die Berge ziehen seltsame Wolken- und Nebelstreifen. Rein in die Taucheranzüge, denn einmal sind wir noch mit der AWI-Tauchgruppe zusammen beim Filmen. Wir fahren mit einem zweiten Boot, gesteuert von Station Leader Séb, parallel zum AWI-Boot rund um einen Eisberg. Bei der Bootgeschwindigkeit spürt man den Regen schon ganz schön, der junge Schlittenhund, den Sébastien dabei hat, drückt sich nun schutzsuchend hinter sein Herrl. Ganz geheuer ist dem jungen, scheuen Tier die Sache nicht, denn zuvor wollte es sich noch nicht streicheln lassen, aber nun drückt es sein Köpfchen vertrauensvoll in die dargebotene Hand. Nach diesem Ritt über die Fjordwellen lassen sich Josef und Joe mit der Kamera und dem Fotoapparat über Bord und es geht - nach der Lösung von Tarierproblemen, Josef war schwer unterbleit - dahin. Die Sicht mutet erst schlecht an, und was sich blicken lässt, sind Algen verschiedenster Art und Größe; gut die können ja nicht weg, aber Schnecken und Hyas - also kleine Krabben, wie Seespinnen, mit großen Scheren und ganz langen Beinen. Am späteren Nachmittag ist dann Pete an der Reihe zum Tauchen.
Die Aufnahmen erweisen sich hinterher als gar nicht so schlecht wie ursprünglich befürchtet. Joe und Josef halten erst bei den AWI-Tauchern Max, Lars und Julian drauf und machen dann eigene Bilder. Während des Tauchens sind eigenartige Geräusche ständige Begleiter. Ein An- und abschwellendes Pfeifen oder Sausen. Erst ist man versucht, an austretende Pressluft zu denken. Dann aber scheint es klar - es kommt von Seehunden oder Walen. Tauchchef Max Schwanitz liefert später die Bestätigung. Es sind Seehund-Gesänge. Die Tiere sind offenbar kilometerweit weg, aber dennoch sind sie deutlich zu hören.
Noch etwas ist eigenartig - im Sand und Kies liegen große Felsbrocken, fein abgeschliffen, von großem, oft einige Meter lang werdenden Kelp besiedelt. Die krallen sich ordentlich fest, um in der Dünung Halt zu haben - war für einen selbst ganz deutlich zu merken, wie es einen noch in zwölf Meter Tiefe hin und her wogen lässt. Zwischen dem sich wiegenden Kelp hat sich eine Hya versteckt. Sie rechnet offenbar nicht mit Tauchern, bemerkt einen erst zu spät und geht dann mit erhobenen Scheren in abwartende Haltung. Tiefe Furchen durchziehen die ufernahe Unterwasserwelt, als wären arktische Riesen achtlos mit schweren Stiefeln durch die Landschaft geschlapft. Und es ist ja auch so: Wenn Eisberge es nicht auf das offene Meer schaffen und in Richtung Land getrieben werden, verenden sie dort in einem grotesken Todeskampf: Beinhart gefrorenes, scharfkantiges Wasser tritt und schlägt und rüttelt und schürft und schabt in einigen Metern Wassertiefe über mehrere Tage und sogar Wochen breite Gräben…und hin und wieder entlässt ein Gletschereis-Bruchstück beim langsamen Sterben einen seit Jahren und Jahrhunderten eingeschlossen Felsblock mit submarinem Getöse, der dann in die Tiefe sinkt und den Pflanzen künftig Schutz und Halt bietet - wenn man so will, bis in alle Ewigkeit…

 

 
   
Freitag, 21. Mai 2010 - ZUGVÖGEL UND GLETSCHERMILCH
 

 

        

Küste und Kran heißt das Programm des Tages. Für das Alfred-Wegener-Institut (AWI), unsere Unterstützer, haben wir noch einige Aufnahmen im Ort zu drehen, dabei verwenden wir wieder mal den Kamerakran. Klappt diesmal technisch fast auf Anhieb, die Rundfahrten der Kamera hoch in der klaren Luft über Ny Alesund laufen wie geschmiert. Dann geht es zum Fjord hinunter. Dabei passiert uns ein Missgeschick: Die Gewohnheit, bei kurzen Strecken die Stiefel nicht zuzubinden - wir machen's wie die Norweger - wird dem Kamerakran beinahe zum Verhängnis. Wir hatten ihn wie eine Jagdbeute auf die Schultern genommen und plötzlich haken sich Josefs Schuhe aneinander fest. Die geballte Ladung von stürzendem Kerl und instabilen Kontergewichten hält ein Stativbein nicht aus und bricht sauber am Ansatz ab. Zum Glück ist Josef bis auf eine schmutzige Hose nichts passiert, aber wie bringen wir's dem Chefbären bei, dass wir die Ausrüstung dezimieren, während er gerade mit Fotoapparat anderswo rumtobt? Also schnell die einzelnen Teile irgendwie geschäftig drapiert, damit es so aussieht, als wären wir nur mal rasch für kleine Kameramänner, und ins Observatorium geschlichen. Dort steht eine rettende Werkstatt, Stationsingenieur Henning Kirk zeigt uns das Werkzeug und dank Josefs handwerklichem Geschick ist blitzschnelle der Stumpf abgeschliffen, in die Dreibeinhalterung gepasst und der Handschutz aus Gummi darüber geschoben. "Und? Schon fertig?" ertappt mich ein plötzlich auftauchender Joe beim Verräumen der reparierten Teile an den Strand mit einer unangenehmen Frage. Doch ist die positive Antwort noch nicht mal geschwindelt. Er wollt' ja nicht genau wissen, was wir gerade noch fertig gekriegt haben. Die alte schwarze Lokomotive der 1962 stillgelegten Grubenbahn mit den Kohlenwagens kommt durch Josefs Kameraführung wieder in Bewegung, so flutscht der Zoom. Nun widmen wir uns lebenden Dingen und machen's wie die Vögel: Wir lassen uns treiben beim aufnehmen, denn man braucht schon Geduld, um das auf dem heute sehr ruhigen Wasser des Fjord schwimmende Federvieh in Bewegung zu erwischen. Sie haben sich Ruhe verdient. Schließlich sind sie zum Teil gut und gern 5.000 Kilometer geflogen, um zu Beginn des arktischen Sommers ihre hiesigen Brutplätze zu erreichen. Es ist zudem auch eine Glücksfrage, gerade dann den richtigen Vogel anvisiert zu haben, wenn er untertaucht, kräftig mit den Flügeln rudert und abhebt oder sich auf einem der heute nahezu unbeweglichen Eisberge niederlässt… Gegen Abend am alten Steg der Kings Bay Kull Kompani fällt uns dann etwas wichtiges auf: Dort, wo das Schmelzwasser in unzähligen Rinnsalen und Bächen der Küste zustrebt, färbt sich das Meer milchig-braun, wie bei einem Café Latte…der aus den Alpen stammende Begriff Gletschermilch bekommt hier eine ganz neue Bedeutung - das könnte ein Sichtproblem beim morgigen Tauchen und Filmen unter Wasser geben. Denn es rinnt täglich immer mehr Wasser die Berge hinab…

 

 
   
  Donnerstag, 20. Mai 2010 - CORBEL
 

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Mit Thomas geht es am heutigen Tage entlang des Fjordes einige Kilometer zur französischen Forschungsstation Corbel. Wir merken bald, wie schwer es ist, mit dem Scooter voranzukommen, Sonne, Regen und höhere Temperaturen als noch vor einer Woche haben der weißen Decke schwer zugesetzt. Unmittelbar oberhalb von Ny Alesund bleiben wir zum ersten Mal stecken, weil der Scooter es mit dem Anhänger und vier Menschen mit Ausrüstung nicht schafft. Dann geht es dahin über die matschige Schneefläche, aber immer wieder absteigen und eine schwierige Stelle wird vom Fahrer Thomas alleine überwinden. Dann ist nach ein paar Kilometern Endstation - auf einem Hügel stehend sehen wir, dass das Schmelzwasser aus den Bergen die Schneedecke unterspült hat und sich eine riesige Wasserfläche sozusagen mit Schneedeckel ausbreitet. Thomas muss umdrehen, wir marschieren zu Fuss weiter und versuchen dabei auf die Erhebungen etwas oberhalb der Küstenlinie zu steigen, um oberhalb einen Weg über die Gletscherbachläufe zu finden. Bald ist uns klar, das wird nichts. Wir haben dafür nicht die richtigen Stiefel - erstens ist uns allen beim Rausschieben des Scooter schon Wasser reingeraten, zweitens ist es einigermaßen schwierig einzuschätzen, wie hoch der Schnee liegt und wie tief er unterspült wurde. Also ändern wir unsere Pläne, lassen Corbel sausen und stiegen auf die Berge oberhalb der Südseite des Kongsfjords. Auf einem von der Sonne bereits freigelegten Steinfeld bauen wir erstmals unsere Kameras auf - die Gletscher sind hell beschienen, unter uns rauscht aus einem Gletschertor in eine Ende über das Schneefeld ein glasklarer Bach dahin. Es ist so still hier, dass man nur das Murmeln des Wasserlaufes hört - und Vögel, die im nahen Schutzgebiet auf den Inseln vor der Zeppelinhamna hausen. Nach etwa einer halben Stunde Dreharbeiten hören wir ein weit entferntes Krachen. Irgendwo muss ein großes Stück Eis von einem Gletscher in den Fjord gebrochen sein…dann ist es wieder still. Auf dem Steinfeld haben sich - kaum dass die eisige Decke verschwunden ist, sofort kleine Blümchen hervorgewagt, die Blütenstängel kaum mehr als zwei bis drei Zentimeter hoch, um dem fauchenden Wind kein allzu kräftiges Ziel zu bieten. Von Kuppe zu Kuppe wandernd suchen wir gute Einstellungen, bis uns eine immer mehr dicht machende Wolkendecke überredet, für heute die Dreharbeiten einzustellen und zurückzumarschieren. Zuvor haben wir noch vier Forscher beobachtet, die sich unten in der Ebene am Fjord über die Schneewasserfläche bewegt haben. Die hatten die richtige Ausrüstung dabei - mit breiten Tourenskiern kann man die kühle Gletschersuppe offenbar gut und rasch überwinden. Wieder etwas gelernt, kann man nur sagen…

 

 
   
  Mittwoch, 19. Mai 2010 - NEUSCHNEE
 

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Ein weiterer Ballonstart vom Observatorium aus steht an, sowie das Abfilmen des kleinen Museums von Ny Alesund, des nördlichsten der Welt - gut, hier ist alles menschlichen Ursprungs das nördlichste dieser Erde - also, des kleinen Museums zur Bergbaugeschichte und nebenan einiger Bildschirme mit Erläuterungen zur Forschung und der arktischen Flora und Fauna. Recht gut gemacht, vor allem das Bild mit dem Vergleich 1922 und 2002. Eine der Gletscher reichte einige Dutzend Meter hoch bis ans Meer, nun hat er sich an die Flanken des nahen Berges zurückgezogen. Am Schwarzweissbild von 1922 steht ein Jäger mit Flinte am gegenüberliegenden Fjordrand und betrachtet das Naturschauspiel, auf jenem von 2002 ist es ein Mann im orangen Überlebensanzug. Nur 80 Jahre und Millionen Kubikmeter Eis sind abgeschmolzen....
Beim Start des kleinen Heliumballons geht es Messungen für die Wettervorhersage, eine weitere dient der Feststellung von Ozon in den verschiedenen Sphären. Nach dem Start zeigt uns Sébastien Barrault am PC-Screen via Google Earth das Flugprofil des kleinen Ballons, an dem sich die wechselnden Windrichtungen gut ablesen lassen. Vor einigen Tagen ist der Ballon mit der Sonde noch Richtung Westen aufs Polarmeer hinausgetrieben, gestern und heute weht es ihn ins Innere Spitzbergens. Auch die Stelle, an der er sein letztes Signal sendete, nahe eines Fjords, ist zu sehen.
Am späten Nachmittag merkt man, wie schnell das Wetter sich andern kann. Es beginnt heftig zu regnen, geht dann in dicke Graupelschauer über, und wenig später in Schnee. Ein heftiger Wind heult ums Blaue Haus und gegen Mitternacht liegt bereits eine feine Neuschneeschicht auf dem Dach. Gegen Morgen lassen die Niederschläge dann nach. Der Winter wehrt sich noch heftig gegen den Frühling.

 

 
   
  Dienstag, 18. Mai 2010 - DER DRITTE MANN
 

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Zweimal ist heute die kleine zweimotorige Maschine aus Longyearbyen angesagt. Der Dienstag ist ein Tag des Kommen und Gehens, einige der Wissenschaftler reisen ab, neue kommen an, und für andere ist es das Zeichen dafür, dass sich ihr Aufenthalt auch bald dem Ende zuneigt. Man bekommt das Gefühl, dass man einerseits wieder gerne mal unter andere Menschen kommt und seine Familie wiedersieht, andererseits lässt das eisige Spitzbergen wohl niemand kalt. Aus unserem Haus sind die Wissenschaftler Inka und Christoph abgeflogen. Inka hat noch einmal eine Runde durch den Ort gedreht und ist zum Marinelaboratorium gegangen - wirkte wie ein Auf-Wiedersehen-Sagen. Von Christoph haben wir echt viel gehört, über Laser, Lidar, Aerosole und die viefältigen Aspekte der Wolken, des Klimas und des ganzen Rests. Und es hat sich selten jemand so über eine kleine Tafel Zotter-Schokolade aus der Steiermark gefreut wie er.
Heute haben wir den Tag mit dem Anleiern von Kooperationen verbracht. Mit Stationsleiter Sébastien und Thomas haben wir unseren Tourenplan abgestimmt.
Am Abend, zu dem es nicht finster wird, kommt dann unser dritter Mann, Josef, endlich an. Das kleine Flugzeug schwebt vom Meer her kommend ein - man merkt das Tauwetter...bei unserer Ankunft vor einer Woche war die Piste noch schnee- und eisbedeckt.
Mittlerweile hat kräftiger Regen mit etwas Wind eingesetzt - eigentlich ist das der erste von acht Tagen mit so etwas wie Schlechtwetter und Nebel an den Berghängen - Josef ist gerade noch rechtzeitig reingekommen, denn die Flüge müssen auf Sicht erfolgen.
Durch den Regen ist es erstmals einigermaßen nicht hell, und ein Sitzen im Mitternachtssonnenlicht vor dem Blauen Haus wäre ungemütlich, obwohl es schon wesentlich kälter gewesen ist. Als Sandra dann mitternächtens ein Plädoyer für diese Gegend hält und immer leidenschaftlicher wird, merkt man: Die Gedanken beginnen ähnlich zu werden. Mobiltelefone gehen einem gar nicht ab - sind ohnehin verboten in Ny Alesund, wegen der empfindlichen Messgeräte, zu keiner Tageszeit stört ein Schrillen...

 

 
Montag, 17. Mai 2010 - NORWEGISCHER NATIONALFEIERTAG
 

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Unser erster einigermaßen richtig freier Tag und wir haben uns vorgenommen, uns ganz auf Norwegens Nationalfeiertagsfeierlichkeiten einzulassen - und wir Schwachköpfe verpassen den Sektempfang um 8.00 Uhr am norwegischen Flaggenmast mitten im Ort. Aufgewacht sind wir ja, als Seb, Thomas, Francesco und andere buchstäblich mit Pauken und Trompeten durch den Ort marschierten und an jedem Haus, jeder Station eine kräftige Dosis Musik hineinbliesen.
So treffen wir uns eben nach dem Frühstück, im Blauen Haus, unsere Gruppe, und jetzt können wir es ja sagen: Nach dem Maskottchen der Koldewey-Station, einem Gartenzwerg mit Bart und roter Mütze und Bierfaß, sowie dem Warn-Plakat des Sysselmannen von Svalbard „Take the polar bear danger seriously - halt avstand!“ haben wir unser Stationsoutfit kreiert: Sandra, Maria und Inka haben die roten Zwergenmützen vorbereitet, Max das Fass, Joe und Pete das Transparent „Take the polar dwarf danger seriously - halt avstand!“. An spontanen Lachern merken wir, dass der Slogan ankommt, zum Glück aber niemand Abstand halten mag. Die norwegischen Damen in wundervollen Trachten, wie auch einige ihrer männlichen Landsleute. Treffen ist bei der Messe, dann geht der Zug mit schräger Musik und norwegischen Fahnen durch den Ort, auch die jüngsten Einwohner Ny Alesunds - zwei Hundewelpen, die zum Auffressen sind mit ihren Norwegen-Bändern um den Hals, refer to

http://www.haschek.co.at/may17/index.html

sind am Arm ihrer Fraulis dabei und die Lieblinge aller. Am Haus Mellageret an der Bucht werden Teams zusammengelost, die drei Aufgaben lösen müssen, z.B. beim Sammlen von 6 mehr oder weniger unmöglichen Gegenständen innerhalb 15 Minuten und beim Verwenden derselbigen danach zum Schneemannbau.
Max ist ein unserer Ansicht nach großer Vertrauensbeweis zuteil geworden: Die Norweger und das Festtagskomitee haben ihn beauftragt, die Rede zum Nationalfeiertag auf Englisch zu halten. Mein Beruf als Journalist bringt es mit sich, viele Reden anhören zu müssen, meist von Politikern. Ich freue mich also nur bedingt auf Ansprachen. Aber als er auf die große Baumwurzel steigt, die von fernen Küsten auf das baumlose Svalbard geschwemmt wurde und von Menschen aus elf Nationen aus fast allen Kontinenten spricht, die sich gegenseitig helfen, einfach weil sie hier sind; er davon erzählt, wie Norwegens Unabhängigkeit zustande kam, ohne in Pathos zu verfallen, wie Norweger ihren Tag feiern, mit ihren Kindern, bewusst, aber dennoch locker, ohne dämlichen Nationalismus - das bewegt, ohne aufzuwühlen: vor allem das „Have fun today“ zum Abschluss. ich könnt‘ schwören, sogar der eine oder andere Schneemann würde nun gerne seinen kühlen Platz verlassen und einen mittrinken....

 
   
  Sonntag, 16. Mai 2010 - LIDAR & POST-SOCIALIZING
 

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Der Ort, der gestern kollektiv im Haus Millageret den Samstagabend und somit den Beginn des Wochenendes gefeiert hat, hält sich erstaunlich gut. Obwohl Pete wegen Schlafanfalls - wollte nur kurz Kräfte sammeln und ist dann eingeschlafen - das Festl nicht miterlebt hat, erlangte er doch eine gewisse Reputation. Das ist der, der das socializing verpennt hat. Joe ist übrigens bemerkenswert fit und hat ebenfalls eine gewisse Reputation - soll einer der letzten gewesen sein und hat überdies Pete beim Heimkommen fürsorglich zugedeckt.
Wieder ein wunderschöner Tag jedenfalls - am „Abend“ wird die Sonne den ganzen Tag gearbeitet und die meisten Eisberge in der Bucht kleingekriegt haben - aber das wissen wir ja noch nicht. Wir haben einen Termin im Observatorium mit Christoph Ritter, Doktor der Physik vom AWI Potsdam. Weiters versucht ein Flugzeug mit Messinstrumenten sich mit dem bodengebundenen LIDAR (Light detection and ranging) des AWI hier in Ny Alesund abzustimmen. Die Maschine kommt im Tiefflug vom Kongsbreen herein und braust über das Observatorium in Richtung Flugfeld hinweg - eine umgebaute, wunderschöne alte DC 3, in Blau und Rot gestrichen, die „Polar 5“.
Im Observatorium erläutert uns Christoph Ritter seine Arbeit: Lidar sendet permanent einen Laserstrahl aus und detektiert das reflektierte Licht. Wolken und die in der Luft befindlichen feinen Partikel, die Aerosole, können so gemessen werden. In Ny Alesund wird das deshalb gemacht, weil hier die arktische Luft so klar ist und weniger Interferenzen als z.B. in Mitteleuropa vorkommen. Die Aerosole kommen oft aus dem eurasischen Raum, denn nichts, was vom Menschen in die Luft geblasen wird, bleibt nur auf den Entstehungsort beschränkt. „Verschmutzungsereignisse“, wie es wissenschaftlich genannt wird, können also durchaus in sensiblen Gegenden landen. Generell dienen die Messung zur Verdichtung und Verbesserung von Klimamodellen.
Wir haben uns zwar wieder vorgenommen, früher schlafen zu gehen, aber es wird wieder nix. Wir machen das Transparent bis 1.30 Uhr fertig, jenes, das unser Blaues Haus morgen, nein heute, zur Parade zum norwegischen Nationalfeiertag tragen soll. Gar nicht leicht, am Ende Demo-Vorbereitungen zu treffen. Zuvor noch Mützenbasteln, und am Rückweg vom Lab das winzige Bergbau-“Museum“. Dann aber ab durch die Mitte....und in zwei Tagen ist „Der dritte Mann“ da, unser Josef.

 

 
   
  Samstag, 15. Mai 2010 - BUCHT TAUCHEN
 

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Erster Tauchgang von Joe in der Bucht, raus zu den Eisbergen. Relativ unspektakulär, viele Algen, Narben am Grund von den Eisbergen, die über den Meeresboden schrammen. Das einzige „höherrangige“ Lebewesen, das Joe sichtet, war eine graugesprenkelte Schnecke mit großem Schraubenhaus. Pete spielt sich derweil im Überlebensanzug bis zum Hals im Wasser mit den in der Bucht treibenden kleinen Schollen und Eisbergen, hat den Fotoapparat mit und entdeckt dabei, dass es vollkommen gerechtfertigt ist, wenn z.B. Inuits dutzendfach Begriffe für Schnee oder Eis haben. Joe meint, dass die Sicht anfangs okay, dann aber nicht mehr sehr gut gewesen sei. Aber das wichtigste: beide Gehäuse halten dicht, angelaufen ist auch nichts. Beim Rauskommen nach zwei mal 25 Minuten waren seine Hände so blau wie vom Heidelbeerstehlen.
Vor dem Fenster der Messe, in der wir gegen 15.00 Uhr etwas jausnen, öffnet sich das Vogelschutzgebiet Mainzodden bis zum Fjord hin - ein flaches Gelände, noch schnee- und eisbedeckt, doch hat sich schon eine Ahnung von Braun-Grün gezeigt. Seit heute ist diese Gegend wieder Vogelschutzgebiet und darf nicht mehr betreten werden. Wenn man genau hinsieht, sieht man auf dem ausgedehnten Schneefeld schon ein wenig Federvieh hocken - einige wenige Vögel warten auf das Tauwetter. Die erste Welle ist sozusagen da.
Der kleine Ort macht sich übrigens gerade fein, denn am Samstagabend ist von der Kings Bay AS immer ein festliches Dinner ausgerichtet. „Ich hab‘ nichts anzuziehen!“ ist an diesem Abend nicht nur der Schreckensruf der weiblichen Forscher angesichts eines Schranks, in dem sich nur Arbeitskleidung findet. Auf diese Anforderung waren wir auch nicht eingerichtet. Hoffentlich wird einem dafür nicht der Zucker in den Kaffee gestrichen.
Eines noch: Miachtelnde Kleidung ist hier so gut wie unbekannt, auch Stinkstiefel sind die Ausnahme - den üble Düfte erzeugenden Bakterien bekommt das hiesige Klima wohl nicht. Und: Die erste Woche unseres Aufenthalts ist vorbeigezogen.

 

 
   
  Freitag, 14. Mai 2010 - LABO(U)R DAY
 

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Labortag ist - wir werden den armen Algen auf ihrem letzten Weg mit der Kamera das Geleit geben, wenn sie künstlich zur finalen Photosynthese angeregt werden. Am Vormittag - gerade als wir überlegen, noch einmal den Sysselmann - also den norwegischen Gouverneur - zu kontaktieren, trifft eine gute Nachricht per Mail ein. Die Umweltschutzabteilung des Amtes des Sysselmann hat unseren beantragten Hubschrauber-Filmflug genehmigt.
Am Nachmittag haben wir einen Labortermin: Wir begleiten die Wissenschaftlerinnen Sandra Heinrich und Marìa López Parages mit Foto und Film vom Anfang bis zum Ende einer Untersuchung von Algen. Beim „Fang“ mit dem schnellen Tauchboot waren wir schon dabei, nun werden die Algen nach einer Ruhephase im Meerwasserbecken vom Kälteraum ins Nasslabor getragen und dort gemessen, wie die Algen auf Belastungen reagieren. Manche Arten sind flexibel, die zum Beispiel mit einer Erwärmung des Wassers zurechtzukommen, andere wie eine endemisch vorkommende Art haben ein Anpassungsproblem. „Anpassung oder Tod“ hieß es für viele Lebensformen schon immer. Nur dürfte es so sein, dass vielen die Zeit unter den Blättern davonrinnt, da in unseren Tagen Veränderung schneller geschehen als eine Spezies Zeit braucht, um Gegenstrategien zu entwickeln.
Nach den Tests werden die Proben mit flüssigen Stickstoff blitzartig zum Erhalt der Gen-Darstellung „konserviert“, bis zur nächsten Untersuchungsreihe. Mit diesen Untersuchungen sind Sandra und Marìa schon einige Zeit beschäftigt. Sandra ist beim folgenden Interview so routiniert, dass mir die Fragen auf ihre Antworten ausgehen. Und später, bei der Zigarettenpause draußen vor dem Lab geht und geht die Sonne über dem Kongsfjord nicht unter und leuchtet Berge und Eisberge, die sich vor der Bucht zum Bleiben entschlossen haben, in einem ständigen Wechselspiel von Licht und Schatten an. Die Damen haben einen wunderschönen Arbeitsplatz. Und wir ein unheimliches Glück, hier sein zu dürfen.
Beim Rückweg zum Blauen Haus entdeckt Joe ein Ren, ein ganz junges Rentier-Mädl. Es ist überhaupt nicht scheu, als er sich bis auf zehn Meter nähert, grast gemütlich das weiter, was halt schon heraus geapert ist. Carlos Jiminiz erzählt uns, er habe mal beobachtet, wie sich Rentiere im arktischen Sommer über eine Wiese vorwärts bewegten und nur die Blüten vorsichtig abästen. Sie wissen wohl, dass man seine eigene Lebensgrundlage nicht zerstören darf, wenn man nächsten Winter noch was haben will.
Abends dann vor der Hütte, im Gartenzwerg-Eck, macht Sandra Inkasso: Mehr als einen Aquavit als Lohn für die anstrengenden Dreharbeiten können wir aber nicht bieten. Es wird dann denn doch mehr als nur ein Stamperl, für die beiden Ladies of Science.

 
   
  Donnerstag, 13. Mai 2010 - BLOOMSBRANDHALVÖYA
 

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Der Tag beginnt um 2.00 Uhr - „Neulich, morgens in der Arktis...“, würde Ny Alesunds AWI-Tauchchef Max Schwanitz sagen. Joe geht um diese Zeit kurz raus und macht ein Stimmungsbild von der Station und den anderen Häusern.
Also, es ist Feiertag heute, aber das heißt nicht, dass in der Arktis alles still steht. Wir fahren heute mit Max, Lars und Julian raus, zur Bloomsbrandhalvöya, dort wird Kelp „gefangen“. Joe und ich klettern in die dicken, orangefarbenen Überlebensanzüge, die verhindern sollen, dass wir sofort einfrieren wie die Primeln im ersten Frost, falls wir patschert sind und ins Wasser fallen. Draußen im Fjord sind deutlich mehr Eisberge und Schollen (tiefgefrorene, aber nicht die zum verspachteln), kleinere rumsen bei der Überfahrt zur Halbinsel schon mal dumpf gegen den Rumpf. Vor ein paar kleinen Felsen werden die drei Bojen gesetzt, an diesen werden nun die ein Quadrat formenden Plastikrohre hinabgelassen. Alle Kelp-Arten innerhalb des Gevierts werden von einem Taucher gesammelt und in Fässer mit Meerwasser gesteckt. So werden Zufalls-Samples erstellt. Eine neugierige Robbe taucht, kaum zu sehen, an den Bojen herum, verliert dann aber wieder die Freude daran und verschwindet.
Auf den Flächen oberhalb des Ufers, gegen den Bratliekollen hin, ziehen einige Rentiere dahin...kaum, dass einige kleine Vegetationsflecken vom Schnee befreit sind, suchen sie hier Futter.
Das letzte Sample wird von Max aus der Hansneset-Grotte geholt - wir müssen allerdings erst eine Eisscholle aus dem Grotteneingang mit dem Anker „fangen“ und etwas wegschleppen. Außerdem legen wir die Signalpistole bereit, denn oberhalb der Grotte könnt‘ ja durchaus ein weißer Zottelbär spazieren trotten. Wir beeilen uns mit der Rückfahrt, denn der Wind hat von See her aufgefrischt und jede Menge Eis wieder in den Fjord geblasen. In der Bucht von Ny Alesund muss das kleine Boot dann ein wenig den Eisbrecher machen. Wir wollen gerade die Sample-Fässer ins Labor tragen, als jemand ruft: „Wale!“ Wirklich....über 15 weiße Beluga-Wale schwimmen zwischen den Schollen hindurch in die Bucht...ein wunderschönes Schauspiel, wie sie nur ihre weißen, teilweise vernarbten Buckel zeigen und dann wieder abtauchen. Es ist fast wie bestellt - ein sehr ergiebiger Outdoor-Tag - nicht nur filmisch, vor allem emotional.

 

 

 
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